Das Ausnahmetalent


Urs Wüthrich
BZ Berner Zeitung 23. März 2002

Sie hat nicht nur Klassik drauf

Gwendolyn Masin, 24-jährige Geigenvirtuosin und Weltenbummlerin, hat sich in Bern niedergelassen. Hier will sie Menschen jeden Alters Unterricht erteilen. Für die Kleinsten hat die Violinistin spielerische, neue Methoden entwickelt.

Mit strengen Schritten betritt sie die Bühne im grossen Saal des Konservatoriums in Bern. Die Frau ist schwarz gekleidet, die offenen Haare fallen wild auf die Schultern, und in den Händen hält sie eine 1761 in Florenz hergestellte Violine. Ohne Aufhebens setzt Gwendolyn Masin das Instrument an den Hals und legt unter dem Applaus des Publikums herzhaft los. Dabei bleibt sie wie mit der Bühne verwurzelt stehen, bewegt aber ihren Körper hin und her, wie ein Weidenbäumchen in einer leichten Brise. Der Auftakt des Stücks ist bombastisch, "er könnte" - sagt sie nach dem Konzert - "fast von Led Zeppelin sein". Ist er aber nicht. Die 24-jährige Virtuosin trägt die 2. Sonate in d-Moll von Robert Schumann vor, Musik, die der Komponist 1851 für Klavier und Violine geschrieben hat. Damals litt Schumann bereits an Wahnvorstellungen, er, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte, vermeinte, man müsse ihn einsperren, damit er seiner Familie nichts Schreckliches antun könne. Diese psychische Labilität, glaubt die Musikerin, spüre man der Sonate bisweilen an.

Folgen nach wilden etwas ruhigere Passagen, hebt die Geigerin den Kopf und fixiert wie in Trance einen Punkt an der Decke. Aber sie ist voll da. Sie hat die Musik im Blut, in vierter Generation. Die Mutter, Maria Kelemen, eine gebürtige Ungarin, lehrt an der eigenen Musikschule in Dublin Violine und Bratsche; ihr Vater, ebenfalls Geigenvirtuose und gebürtiger Holländer, lebt auch in Irland.

Gwendolyn Masin wurde in Amsterdam geboren. "Mit drei Jahren begann ich Klavier zu spielen", erzählt sie, "mit fünf fing ich mit der Geige an." Und wie. Gleich im ersten Jahr ihrer Ausbildung, als fünfjähriges Mädchen, hat sie ihren ersten öffentlichen Auftritt in der Franz- Liszt-Akademie in Budapest. Ein Jahr später übersiedelt die Familie nach Kapstadt. Und im Eiltempo gehts weiter: Als 10-Jährige wird sie ins Konservatorium für Musik und Drama am Institute of Technology in Dublin aufgenommen. Zwei Jahre später tritt sie live im TV auf, konzertiert in der dortigen National Concert Hall. In Dublin studiert Gwendolyn bis 1996 in der Klasse ihres Vaters Ronald Masin. Nebenbei gewinnt sie mehrere Preise. Doch darüber spricht sie nicht. Es ist ihr fast ein bisschen peinlich, wenn ihr Ausnahmetalent zur Sprache kommt. "Ich bin kein Genie", winkt sie ab. Und: "Musik ist für mich ein Kanal, durch den ich Emotionen rauslassen kann."

Ihr Tempo beim Sprechen ist vivace, die Lautstärke variiert zwischen piano und mezzoforte. Sie beherrscht Englisch, Ungarisch, Deutsch, Niederländisch und Afrikaans, "aber ich möchte noch fünf weitere Sprachen lernen".

Seit sechs Jahren in Bern

Der Grund, weshalb die Weltenbummlerin seit sechs Jahren in Bern lebt, hat einen Namen: Igor Ozim. Der begnadete Musikprofessor lebt und lehrt hier. Und das war für sie Grund genug, ihre Zelte in Irland abzubrechen, um in Bern ihre Kunst zu verfeinern. Während ihrer Berner Studien erwarb sie zusätzlich das Lehrdiplom an den Royal School of Music in London - natürlich mit Auszeichnung. Ihre Auftritte als Solistin in ganz Europa sind zahlreich, aber die Violinistin hat noch ein anderes Anliegen: die musikalische Förderung von Kindern. "Seit sechs Jahren beschäftige ich mich mit der Entwicklung von Methoden für den klassischen Musikunterricht von Kleinkindern", erzählt sie. Auf die Frage, in welchem Alter ein Kind mit dem Unterricht beginnen sollte, lacht sie und sagt: "Neun Monate vor der Geburt." Das Ungeborene nehme nämlich bereits im Mutterleib Töne wahr.

In spielerischer Form

Gemeinsam mit ihrer Mutter hat Gwendolyn Masin ein Manuskript über Unterrichtsmethoden und Violintechniken verfasst und ihre Erfahrungen in einer für Kinder verständlichen und spielerischen Form geschrieben. Unterricht gibt sie bereits dreijährigen Kindern, die noch nicht lesen können. Doch bevor es so weit kommt, lädt Gwendolyn Masin Eltern und Kind zu einem Assessment ein. Dieses basiert auf spielerischen Übungen. "Da geht es unter anderem etwa um die Augen- und Handkoordinationen, und ich prüfe das musikalische Gehör."

Nebst dem Erkennen des musikalischen Talents soll dieses erste Zusammentreffen Aufschluss über eventuelle Hyperaktivität oder Lernschwierigkeiten geben. "Das Erlernen eines Musikinstrumentes sowie das Notenlesen kann eine Möglichkeit sein, diesbezügliche Probleme zu kontrollieren und die Energie des Kindes zu kanalisieren", sagt die Musikerin. Im Anschluss an diese (kostenlose) Sitzung bespricht Gwendolyn mit den Eltern des Kindes das Vorgehen einer eventuellen musi-kalischen Erziehung. Diskutiert wird auch über das passende Instrument, "nicht jedes Kind hat Talent für die Geige oder die Klarinette", weiss die Virtuosin. "Ganz schlimm ist es, wenn Kinder von ihren Eltern gedrängt werden." Sie müsse, schmunzelt sie, bisweilen auch die Eltern unterrichten.

Und auch das: "Die Kinder sollten ihrem Instrument einen Namen geben und es wie eine lebende Kreatur betrachten." Es solle so weit kommen, dass die Kleinen ihr Instrument wie ein Teddybärchen immer bei sich tragen und als Teil ihrer selbst betrachten. Wichtig sei vor allem, dass die Kinder das Lernen nicht zu sehr als Kampf anschauen. "Eigentlich", weiss Lehrerin Masin aus Erfahrung, "übt kein Kind gern, aber, spielt es einmal ein Instrument, will es dieses auch nicht mehr hergeben." Sie habe auch beobachtet, dass die Talentiertesten oft die Faulsten seien.

Sie spielt auch Jazz

Gwendolyn Masin ist keine Puristin: "Ich spiele auch Jazz." Für sie gebe es keine Lieblingsstücke, "ich liebe immer das am meisten, was ich gerade spiele". Sie kann auch aus anderen musikalischen Ecken einen Gewinn ziehen. "Selbst eine Heavy-Metal-Band wie etwa Metallica spielt manchmal mit Sinfonikern zusammen, und die Sachen sind gar nicht so einfach." Überhaupt möchte sie die klassische Musik "abstauben". Ihr Wunsch ist es, dass mehr junge Menschen klassische Konzerte besuchen. "Diese Musik ist nicht überholt", sie komme manchmal nur etwas elitär daher. Robert Schumann hat schon vor über 150 Jahren gefordert: "Neue, kühne Melodien musst du erfinden!"

Peeling the parameters of the grand delusion


Christine Madden
The Irish Times 25. September 2004

In Love's Delusion, an accessible 'collage' of media and artists, literature and music share the stage as equals, writes Christine Madden

We've all been deluded by love. Many artists fashion their work out of this deceptive haze that spares no one in its intensity and pain. It's a subject that never fails to find resonance in the public, partly because passion demands powerful expression, partly because everyone has experienced this the addictive drug that no one ever fully stops craving.

A promising topic, then, with which to build an audience for a fresh mix of art forms. Love's Delusion, a collaboration of artists and media allows both literature and music to fill the stage as equals, each complementing the other, with neither present purely as back-up. Conceived by violinist Gwendolyn Masin, the production includes the talents of director Paddy Kelly, pianist Julia Bartha and actors Donal Courtney and John O'Donoghue.

Masin's programme brings together works by writers Marcel Proust and Leo Tolstoy with those of César Franck and Ludwig van Beethoven. This "collage", as she describes it, investigates our willingness to allow passion to cloud our reason, but also sets out particularly to make classical music and literature more accessible to a broader public.

"I remember being 16 and looking at Proust and thinking, 'I'll never be able to understand this'," Masin recalls. "And when I was young and learning music, I had to find something to hold onto in order to grasp the meaning of the music for my interpretation." Masin learned the violin under the tutelage of her mother, the respected violin teacher Maria Keleman, and her father Ronald Masin, professor of music at DIT, where she had been accepted to the Conservatory of Music and Drama at the age of 10. She has continued her studies in Switzerland at conservatories in Berne and Zurich, where she is currently completing her postgraduate studies. While in Switzerland, Masin made the acquaintance of the award-winning pianist Julia Bartha, who has worked with pianist John O'Conor, among others.

Bartha's particular interest in combining literature and music brought her into collaboration with theatre practitioners such as Cornelia Froboess and Rainer Piwek at the acclaimed Thalia Theater in Hamburg. The practice of combining the two forms, she says, remains popular in Germany, where she was involved in similar programmes for the Year of Goethe in 1999. "It goes back to the idea of the 19th century Melodram," Bartha says. Although sounding similar, it bears little connection with what we would recognise as a melodrama. "Someone recites a frightening, bizarre or eccentric story," she explains, "which would be set to music. It would be spoken, declaimed, not sung." She had worked on similar projects setting, for example, texts by the poet Heinrich Heine to Schumann's Waldstücke and Nachtstücke.

Her background makes her an ideal working partner for Masin's project. "The idea of combining music and literature isn't strictly new, but at the moment it's new again, because it hasn't really been done here for so long." Similarly, "the material isn't new" - Proust's Remembrance of Time Past with Franck's Sonata for Violin and Piano in A major, and Beethoven's Kreutzer Sonata with Tolstoy's novella of the same name - "but the combination is. Actually, I don't know why nobody's ever put them together before." The Kreutzer Sonata in particular inspired a series of spin-offs. Beethoven's famous work inspired Tolstoy's novella, which in turn inspired Janacek's piano trio and first string quartet, as well as a painting by René Prinet, which illustrated the narrator's "delusion" in Tolstoy's work (and which went on to get a mention in Vladimir Nabokov's Lolita).

The four pieces chosen by Masin for her programme particularly reflect the artistic crossover between music and literature. Tolstoy wrote the Kreutzer Sonata through the voice of the husband of a woman who takes up the piano again. He becomes jealous of her music, and of her collaboration with a violinist, and imagines an affair between them. His delusion reaches a peak when they perform together Beethoven's Kreutzer Sonata. In Proust's work, Masin concentrates on Swann's Way, in which Swann's involvement with Odette develops from indifference to obsession and returns to indifference "through the prism of music", she says. "It's like a perfume, it can remind you vividly of something that happened years ago."

In the programme, text and music will alternate but never clearly separate from each other. "We don't perform them at the same time, one on top of the other; that would be a cacophony, and detract from both," says Masin. "The performance takes place in 'real time', with the actor on stage while the music is playing and vice versa." Through their interplay, "you get a deeper understanding of both", explains Bartha. "With the music alone, the imagination isn't engaged in the same way. If you listen to it, and then discover the music in the story, it then has a completely different effect on you." Masin especially hopes that Love's Delusion will offer young people a path into classical music. "They don't get as excited about classical music. And it has nothing to do with education, we just live in a different age. It isn't presented in an accessible way." She cites the example of film music, and how people who aren't interested in classical music will buy and avidly listen to film soundtracks that borrow heavily from that genre. Through the medium of film, they can come to understand the evocative power of that kind of music.

Both musicians move on to further cross-genre projects after this. Bartha will return to Germany to perform in a three-part homage to Oscar Wilde for his 150th birthday celebration. This project will add dance to the mix of literature and music.

And Masin already has "six other ideas in the bag". The motif of Satan, for example, frequently recurs in music and literature, from the many versions of Faust through Camille Saint-Saëns's Danse Macabre to Nicolò Paganini, of whom people believed he had sold his soul to the devil in order to play the violin in his frenetic, passionate way.

Deluded or not, passion underlies the works in Masin's programme, as well as any artistic endeavour. "Most stories are about love in one way or another," she says. It takes a matching amount of love - and devotion, not delusion - to nurture and develop them for the stage.

Love's Delusion, presented by In Search of Lost Time, is showing at the Civic Theatre in Tallaght tomorrow, 8 p.m. Tel: 01-462 7477

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